2014/05/13

Verding- und Heimkinder - «. . . da ich wissen will, was in meiner Kindheit gelaufen ist»

«. . . da ich wissen will, was in meiner Kindheit gelaufen ist»

Von Dölf Barben. Aktualisiert am 22.04.2014 3 Kommentare
Für Verding- und Heimkinder, die auf der Suche nach ihrer Geschichte sind, spielen Archive eine zentrale Rolle. Im Berner Stadtarchiv ist es Yvonne Pfäffli, die in die Tiefe steigt, wenn ein Gesuch um Akteneinsicht eintrifft.

An ihrem Arbeitsplatz ist Yvonne Pfäffli umgeben von Dossiers, die Tausende Schicksale enthalten.
An ihrem Arbeitsplatz ist Yvonne Pfäffli umgeben von Dossiers, die Tausende Schicksale enthalten.
Bild: Adrian Moser
Es ist kühl in den weitläufigen Untergeschossen. Wenn sie länger dort unten zu tun habe, ziehe sie sich etwas Wärmeres an, sagt Yvonne Pfäffli. Die Historikerin arbeitet seit anderthalb Jahren im Berner Stadtarchiv, das im Kubus untergebracht ist, dem Erweiterungsbau des Historischen Museums. Im fensterlosen, wohl vierzig Meter langen Raum drängen sich die Stirnseiten mächtiger Gestelle aneinander. Drückt die Archivarin auf einen Knopf, verschieben sie sich fast lautlos und geben am gewünschten Ort einen Gang frei. «Hier», sagt sie und tritt hinein in den Zwischenraum, der sich geöffnet hat. 

 
 
 
Zu beiden Seiten stehen grosse braune Bände, feinsäuberlich angeschrieben, gegen 800 an der Zahl. Sie enthalten Vormundschaftsberichte, die bis ins Jahr 1883 zurückreichen. In anderen Gestellen finden sich die Akten der Sozialen Fürsorge, 300 Laufmeter, 25'000 bis 30'000 Personendossiers, die den Zeitraum von 1920 bis 1960 abdecken. Dazu kommen 80 Laufmeter Dossiers zu Adoptionen und Vormundschaften sowie über 200 Ordner mit Protokollen der Vormundschaftskommission. Sie sei beeindruckt von dieser Menge an Information, sagt Yvonne Pfäffli.

An ihrem eigentlichen Arbeitsplatz ist es hell. Das Stadtarchiv scheint auf dieser oberen Ebene fast nur aus Glas zu bestehen. Der Blick geht hinüber zur Berner Altstadt. «In der Debatte um Verding- und Heimkinder und um Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen spielen Archive eine zentrale Rolle», sagt Yvonne Pfäffli. Dass diese Debatte in letzter Zeit immer aktueller geworden ist, zeigt sich an der Zahl der diesbezüglichen Einsichtsgesuche. 2013 verzeichnete das Berner Stadtarchiv deren 20. Im laufenden Jahr wurde diese Zahl schon beinahe erreicht. Die Archivarin schiebt einen Brief über den Tisch. Das Beispiel einer Anfrage. Sie stammt von einem Mann Mitte der fünfzig und ist in sauberer Handschrift abgefasst: «Ich möchte Einsicht in meine Akte, da ich endlich wissen will, was in meiner Kindheit alles gelaufen ist.» 


Sechs bis sieben Stunden pro Fall 

Hier beginnt Yvonne Pfäfflis Arbeit. Allein mit einem Namen und einem Jahrgang sei es schwierig, etwas zu finden, sagt sie. Oft schreibe sie deshalb zurück und erkundige sich nach allem Möglichen, nach dem Wohnort der Eltern, nach dem Ort der Fremdplatzierung und ob es zuvor zu einer Scheidung gekommen sei. «An den Namen des Vormunds erinnern sich fast alle.»
Wenn sie Glück hat, wird sie bereits bei den Vormundschaftsberichten fündig. Oder dann stösst sie in den Fürsorgedossiers auf eine Spur. Das Problem ist nur, dass die Akten nach einem aus heutiger Sicht nicht mehr verständlichen System abgelegt wurden. Sie sind zwar mit Nummern versehen, aber es ist nicht mehr klar, nach welchen Kriterien diese vergeben wurden. «Es kann gut sein, dass wir nichts finden, obschon eigentlich etwas vorhanden wäre.»

In vielen Fällen aber enden die Nachforschungen, die im Durchschnitt sechs bis sieben Stunden in Anspruch nehmen, erfolgreich. Oder dann liefern sie zumindest weitere Hinweise – auf Akten zum Beispiel, die sich im Archiv einer anderen Gemeinde befinden. Oder befinden sollten. Yvonne Pfäffli stellt die Fundstücke in der Folge zusammen und lädt die Person, die Akteneinsicht verlangte, ins Stadtarchiv ein. «Meist an einem Vormittag, wenn der Lesesaal nicht besetzt ist», sagt sie. Nicht selten höre sie dann von ihrem Arbeitsplatz aus, wie jemand laut auflache und rufe, das stimme doch nicht.
In einem vorgängigen Gespräch, das Stadtarchivar Roland Gerber führt, werden die ehemaligen Verding- und Heimkinder darauf aufmerksam gemacht, dass es für sie womöglich nicht leicht sein wird, all die unschönen Dinge über sich und ihre Familie zu lesen. «Wir sagen ihnen, dass es sich um eine einseitige Behördensicht handelt.» Manche seien nach der Lektüre der zum Teil vernichtenden Urteile über ihre Eltern aufgewühlt, sagt Yvonne Pfäffli – und brächten trotzdem oft Verständnis für sie auf. «Meine Mutter war lieb, sie hatte einfach kein Geld», habe jemand gesagt. ........

http://www.derbund.ch/bern/stadt/---da-ich-wissen-will-was-in-meiner-Kindheit-gelaufen-ist/story/16970303 

DDR-Kinderheime: "Ich höre noch die Schreie..."



Tausende Kinder gingen in DDR-Heimen durch die Hölle. Für manche waren nicht die körperlichen Misshandlungen oder der sexuelle Missbrauch das Schlimmste. Sondern die Ferien im Heim. Eine Geschichte aus Heldburg.
Ort der Verzweiflung: Auf der Veste Heldburg war zu DDR-Zeiten ein Kinderheim. Über die schlimmen Zustände dort berichtet ein Mann, der heute Mitte 50 ist. Er hat diesen Aufenthalt nur knapp überlebt. Als kleiner Junge wollte er sich dort in den Tod stürzen - nach einem ersten sexuellen Missbrauch, dem viele Übergriffe folgen sollten. Foto: Peter Michaelis 
 Ort der Verzweiflung: Auf der Veste Heldburg war zu DDR-Zeiten ein Kinderheim. Über die schlimmen Zustände dort berichtet ein Mann, der heute Mitte 50 ist. Er hat diesen Aufenthalt nur knapp überlebt. Als kleiner Junge wollte er sich dort in den Tod stürzen - nach einem ersten sexuellen Missbrauch, dem viele Übergriffe folgen sollten. Foto: Peter Michaelis  
Suhl/Erfurt. Als er sieben Jahre alt war, wollte Konrad Witt sterben. Er stieg auf eine Mauer der Veste Heldburg. Und sprang. Zehn, fünfzehn, zwanzig Meter tief - wie tief er damals fiel, weiß Witt bis heute nicht. Nur, dass er wie durch ein Wunder nicht mal einen Kratzer davon trug, das weiß Witt genau. "Wenn ich heute daran denke...", sagt Witt. "Heute kann ich von der Mauer, auf der ich damals gestanden habe, nicht mal runter schauen. Wahnsinn." Nur ein paar Stunden vor diesem Selbstmordversuch war Witt in das Kinderheim eingeliefert worden, dass damals in der Veste Heldburg untergebracht war. Dort war Witt - kaum war er durch das Tor der Anlage gegangen - sexuell missbraucht worden. 


Stationen eines Ausgestoßenen

 

All die Heime, in denen Witt bis zu diesem Zeitpunkt schon war, waren nur eine Vorstufe für das, was ihn in Heldburg erwartete. Kein anderes Heim, sagt Witt, sei so schlimm gewesen wie Heldburg. Im Alter von zwei Jahren hatte seine Mutter ihn ins Kinderheim und zur Adoption frei gegeben. 1962 war das. Sie hatte einen neuen Freund, der Witt nicht als Teil der Familie akzeptieren wollte. Erste Station für den Verstoßenen: Elgersburg. Dann Wernshausen. Dann Marisfeld. Im Alter von sieben Jahren, kam er schließlich nach Heldburg. Nachdem Witt bis zu diesem Zeitpunkt beinahe jährlich das Heim gewechselt hatte, blieb er die folgenden sieben Jahre in der Einrichtung in Südthüringen. Erst 1974 konnte er dem DDR-Heimsystem entfliehen - weil seine Stiefschwester ihn adoptierte. Ein paar Jahre später wurde er wieder eingesperrt. Nachdem das SED-Regime ihn im Kinderheim mit politischen Botschaften zur Überlegenheit des Sozialismus vollgepumpt hatte, schlug diese Indoktrination ins Gegenteil um. Witt unternahm 1982 einen Fluchtversuche in den Westen. Er wurde gefasst. Saß drei Jahre und drei Monate in Bautzen. 

Was Witt - der Name ist geändert - über den Alltag in Heldburg erzählt, lässt sich nur schwer in Einklang mit Vorstellungen davon bringen, wie es in einem europäischen Land in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zugegangenen sein sollte; selbst dann, wenn inzwischen hinlänglich bekannt ist, dass das SED-Regime im Umgang mit Andersdenkenden und Systemkritikern nicht zimperlich war und die DDR in vielerlei Hinsicht eben kein Rechtsstaat war. Aber der Umgang mit Kindern... Dass Menschen, die in der alten Bundesrepublik aufgewachsen sind, seit ein paar Jahren davon berichten, auch in Kinder- und Jugendheimen im westlichen Teil Deutschlands sei es damals über Jahrzehnte hinweg zu offenbar ganz ähnlichen Exzessen wie im Osten gekommen, macht die Sache keinesfalls besser - oder begreiflicher. "Wir hatten so einen Erzieher", sagt Witt, "der hat uns immer die Brustwarzen umgedreht." Völlig blutunterlaufen seien diese empfindlichen Körperteile schließlich gewesen. Andere Betreuer hätten Kinder mit Kissen beinahe erstickt. "Kissen drauf, erst mal warten und dann ganz plötzlich das Kissen wieder wegnehmen. Und dann gleich noch mal", sagt Witt. Ältere Kinder seien dazu angestiftet worden, kleinere zu verprügeln - wenn die Erzieher und Lehrer in den Heimen nicht selbst zugeschlagen oder zugetreten hätten. Ob männliche oder weibliche Betreuer, jeden Alters - sie alle hätten sich an den jungen Menschen "ausgetobt". "Körperliche Misshandlungen", sagt Witt, "waren Gang und Gäbe. Das war normal. Das wussten auch alle." Anders bei den sexuellen Übergriffen der Erwachsenen auf ihre Schutzbefohlenen. "Darüber hat man nicht gesprochen. Man hat ja schon einen roten Kopf gekriegt, wenn man nur daran gedacht hat." 

Gelitten und geschwiegen
http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/DDR-Kinderheime-Ich-hoere-noch-die-Schreie-616251828 

Sorgerecht: „Ich will meinen Sohn bei mir haben“



Sorgerecht – Jens T. aus Lautertal kämpft vor Gericht um sein Kind – Jugendamt bezweifelt seine Eignung als Vater

Kind und Vater - was eigentlich normal ist, ist nicht immer einfach.   ArchivFoto: Karl-Heinz Bärtl
Kind und Vater - was eigentlich normal ist, ist nicht immer einfach.  ArchivFoto: Karl-Heinz Bärtl
 
Jens T. kämpft um seinen Sohn. Kurz nach der Geburt vor anderthalb Jahren hat das Jugendamt des Kreises Bergstraße den kleinen Tim in Obhut genommen. Seitdem lebt der Junge in einer Pflegefamilie. Ein Gerichtsurteil soll heute klären, wie es weitergeht.
HEPPENHEIM/LAUTERTAL.
 
„Geklaut“ – vom Jugendamt, wie der 33-Jährige sagt. „Zu sehen, wie zwei Frauen mit meinem Sohn verschwinden, war der schlimmste Moment in meinem Leben.“

Was ist passiert? Der kleine Tim (Name geändert) wird am 15. Oktober 2012 geboren. Seine Mutter – die ehemalige Lebensgefährtin von Jens T. – ist seelisch krank und war schon vor der Geburt in der Heppenheimer Vitos-Klinik untergebracht. Als Tim auf der Welt ist, kann sie sich, wie es heißt, nicht angemessen um ihn kümmern. Einige Tage nach der Entbindung verständigt das Pflegepersonal das Jugendamt.


Kontakt zum Kind ist eingeschränkt.........

http://www.echo-online.de/region/bergstrasse/heppenheim/Sorgerecht-Ich-will-meinen-Sohn-bei-mir-haben;art1245,4958963 

Der Verdacht - Ein einziger Tag zerstört das Leben einer Familie im Saarland



Ein einziger Tag zerstört das Leben einer Familie im Saarland. Die achtjährige Lena werde vom Vater misshandelt, behauptet eine fremde Frau aus der Nachbarschaft. Die staatliche Maschinerie dreht durch: Den Eltern wird das Kind entrissen – und als der Verdacht zwei Jahre später zerfällt, will Lena nicht mehr heim. von 

http://www.zeit.de/2003/26/Verdacht 

BGH: Auch gegen das Jugendamt kann ein Ordnungsgeld festgesetzt werden, wenn der Kindesumgang nicht zu Stande kommt - Beschluss vom 19. Februar 2014 - XII ZB 165/13




Das Kind lebt in einer Pflegefamilie, das Jugendamt ist zum Vormund bestellt. Vor Gericht wurde zwischen Vater und Jugendamt eine Umgangsvereinbarung geschlossen, die der Amtsrichter billigte. Das Gericht wies - wie üblich - sämtliche Beteiligten darauf hin, dass bei Verstoß gegen die Umgangsregelung ein Ordnungsgeld festgesetzt werden könne.
Nachdem das Kind zum Umgang mit den Eltern nicht bereit war und die vereinbarten Umgangskontakte überwiegend bereits nach kurzer Zeit abgebrochen wurden, hat der Antragsteller beantragt, gegen das Jugendamt ein Ordnungsgeld von 5000 € festzusetzen. Er hat geltend gemacht, dass die Umgangskontakte weder von Seiten des Jugendamts noch von der Pflegemutter in irgendeiner Art und Weise förderlich vorbereitet worden seien. Das Jugendamt trug zwar vor, es habe alle verfügbaren erzieherischen Mittel zur Motivation des Kindes für den Umgang mit seinen Eltern genutzt. Dieser Sachvortrag reichte den BGH (Beschluss vom 19. Februar 2014
- XII ZB 165/13) aber nicht. Er stellte fest: "Das Jugendamt kann als Verpflichteter einer vollstreckbaren Umgangsvereinbarung eine Vollstreckung nur abwenden durch den detaillierten Vortrag und Nachweis seiner Bemühungen, das Kind und gegebenenfalls die Pflegeeltern für die Durchführung der vereinbarten Umgangskontakte zu motivieren und dabei zu unterstützen."
Dafür reichte der Sachvortrag der Jugendamts offensichtlich nicht aus:



http://fokus-familienrecht.blogspot.de/2014/04/bgh-auch-gegen-das-jugendamt-kann-ein.html?m=1 

Lebenswelten gestalten oder Fälle verwalten – Wohin steuert die Jugendhilfe?








http://www.kinderschutz.de/local/media/File/hinte_01.pdf

2014/05/12

Jugendämter "Alle murksen vor sich hin"


Stirbt wieder mal ein Kind - verhungert, von den Eltern getötet -, dann fragen wir uns: was machen die eigentlich im Jugendamt? 600 Ämter gibt es, doch keines ist organisiert wie das nächste. Ob ein Kind in Not zuverlässig Hilfe bekommt - Glückssache. Und Familienbetreuung, eine der sensibelsten Aufgaben des Staates, ist komplett privatisiert. Von Walter Wüllenweber 
 
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Ein bisschen bunt und ganz viel trist: auf dem Flur im Bielefelder Amt für Jugend und Familie©
Ohne die Farbtupfer würde man es gar nicht merken. Ausgerechnet die lustigen, bunten Muster verraten: Dies ist kein fröhlicher Ort.
Rathaus Bielefeld, vierter Stock, Flur F. Die Bürotüren führen zu ganz normalen deutschen Amtsstuben. Auf der Fensterbank steht der Kaktus. Daneben röchelt die Kaffeemaschine. Das hinterlässt die üblichen Spuren: pizzagroße, braune Flecken auf blassgrünem Teppichboden. Hier könnte das Bauamt sein oder das Liegenschaftsamt. Doch oben auf dem Aktenschrank liegen sie, die leuchtend bunten Arbeitsgeräte dieser Staatsdiener: Kindersitze.
Übernommen aus ... Stern Ausgabe 19/2008


Dies ist das Jugendamt. Wenn die Kindersitze vom Schrank geholt werden, erleben die Mitarbeiter ihre dramatischsten Augenblicke. Dann holen sie ein Kind aus seiner Familie, um es zu Pflegeeltern zu bringen oder in ein Heim. Manchmal wehren sich die Eltern. Mit Händen und Füßen. Klammern sich mit einem Arm an den Türrahmen und mit dem anderen um das Kind. Aber das ist selten. Meistens sind die Eltern einverstanden. Oft lassen sich die Kinder einfach so an die Hand nehmen und verlassen grußlos ihr altes Leben. Die Wohnungstür wird hinter ihnen geschlossen. Die Kinder folgen den Fremden die Treppe hinunter, auf den Parkplatz, zum Auto und lassen sich auf dem Kindersitz festschnallen. "Wenn keiner weint, die Eltern nicht und die Kinder nicht, das ist das Allerschlimmste", sagt Herbert Oberst, Teamleiter im Jugendamt Bielefeld.

Kinderschicksale Aus Mangel an Betreuung Spektakuläre und erschütternde Fälle von Kindstötungen - und die Verfehlungen der Ämter ls die Eltern den Notarzt holten, war Lea-Sophie nicht mehr zu helfen; sie starb im Krankenhaus. Über Monate hatte das Mädchen nicht ausreichend zu essen und zu trinken bekommen. Die Großeltern hatten das Jugendamt alarmiert - doch ohne Erfolg, die Mitarbeiter hatten sich abwimmeln lassen. Die Eltern stehen derzeit wegen Mordes vor Gericht. Ein Untersuchungsausschuss kam inzwischen zu dem Schluss, dass bei "sachgerechter Arbeit des Jugendamtes"Leas Tod hätte verhindert werden können.


Das Jugendamt soll keine Kinder wegnehmen

 

Genau das ist die Vorstellung vom Jugendamt: das Amt, das den Familien die Kinder wegnimmt. Doch die eigentliche Aufgabe ist das genaue Gegenteil. Sie sollen verhindern, dass es so weit kommt. Denn die Transportschäden, die der Kindersitz des Jugendamtes verursacht, sind fast immer irreparabel. Für die Seelen der Kinder. Aber auch für die Kassen der Kommunen. Ein einziger Platz in einem Heim kostet im Jahr rund 50.000 Euro, etwa so viel wie das Gehalt eines Sozialarbeiters. Ob das Jugendamt gut arbeitet, ist also nicht nur wichtig für Kinder in Not. Es entscheidet maßgeblich mit über die finanzielle Situation einer Kommune. Das erhöht den Druck.
Gleichzeitig verändert sich die Gesellschaft dramatisch. Immer mehr Eltern sind aus den unterschiedlichsten Gründen über- fordert. Seit 1991 hat sich der Anteil der Familien versechsfacht, die Hilfe vom Jugendamt benötigen. Offensichtlich spürt der Staat die Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen nicht irgendwo, sondern zuerst im Jugendamt. Im Gefüge der staatlichen Institutionen haben die Jugendämter daher eine ganz neue Bedeutung. Nie waren sie so wichtig wie heute.
Bei ihren Entscheidungen sollen die Leute vom Jugendamt wirtschaftliche Überlegungen weitgehend ausblenden. Für sie ist nur wichtig: Wie groß ist die Gefahr für das Kind? Familie oder Heim, was schadet dem Kind mehr? Manchmal sind es Entscheidungen um Leben und Tod. Alle paar Tage wird in Deutschland ein Kind getötet. Einige der Namen der Kinder und ihr Schicksal kennt fast jeder: Jessica aus Hamburg, verhungert. Lea-Sophie aus Schwerin, verhungert und verdurstet. Kevin aus Bremen, erschlagen und im Kühlschrank versteckt. Jedes getötete Kind löst eine neue Welle der Empörung aus.


Jugendämter stehen im Scheinwerferlicht 

 

Jahrzehntelang haben die Jugendämter weitgehend im Verborgenen gearbeitet. Jetzt stehen sie im Scheinwerferlicht. "Die meisten Mitarbeiter sind hoch verunsichert. Manche haben regelrecht Angst und Panik", sagt Professor Manfred Neuffer, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg Sozialarbeit lehrt. Bei Fortbildungen in Jugendämtern lernt er die Nöte der Sozialpädagogen kennen. Wenn ein getötetes Kind gefunden wird, stehen sie im Feuer. Dann diskutiert die Öffentlichkeit: War das Jugendamt schuld? Bohren die nur in der Nase? Was tun die den ganzen Tag?
Was macht ein Jugendamt? Keine allzu komplizierte Frage. "Aber beantworten kann das niemand", sagt Mike Seckinger. Dabei müsste er es können, denn der Sozialwissenschaftler des Deutschen Jugendinstituts erforscht seit 15 Jahren die Arbeit der staatlichen Kinder- und Jugendhilfe. "Es gibt in Deutschland über 600 Jugendämter, doch keine zwei, die gleich organisiert sind." Kinder- und Jugendhilfe ist Aufgabe der Kommunen, und denen kann niemand vorschreiben, wie sie ihre Verwaltung aufbauen. Die Selbstverwaltung hat Verfassungsrang. So sind in manchen Rathäusern die Sozialarbeiter vom Jugendamt gleichzeitig für Senioren zuständig. In anderen werden Kleinkinder vom Sozialamt betreut. Manche Bürgermeister nehmen den Schutz der Kinder sehr ernst. Viele jedoch nicht. "Es gibt in Deutschland Jugendämter, in denen die Verhältnisse schlicht katastrophal sind", sagt Seckinger. Ob ein Kind in Not schnell und zuverlässig Hilfe bekommt, das ist in Deutschland eine Frage des Glücks. "Die Jugendhilfe ist ein System, in dem das Zufallsprinzip regiert", sagt Georg Ehrmann, Vorsitzender des Vereins "Kinderhilfe Direkt".
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http://www.stern.de/panorama/jugendaemter-alle-murksen-vor-sich-hin-619924.html